Hanse Sail maritim wie nie?

Hanse Sail maritim wie nie?

Ungelesener Beitragvon Maik Thomaß » 12.04.2016, 16:38

Hanse Sail maritim wie nie?

Rostock. Zum 24. Mal findet vom 7. bis 10. August die Hanse Sail in Rostock statt. Die Veranstalter sprechen jetzt schon davon, dass die Hanse Sail so maritim wird wie nie.

Bild
Hanse Sail Romantik pur? Foto: Maik Thomaß

Aber was ist maritim? 1990 gab es die erste Hanse Sail in Rostock. Der eine oder andere mag sich noch erinnern. Zur großen Windjammerparade vorbei an den beiden Molentürmen in Warnemünde fuhren nacheinander alle Groß- und Kleinsegler auf die Ostsee. Dazu gab es Informationen zu den einzelnen Segelschiffen, die über Lautsprecher an die Besucher am Strand übertragen wurden.
Das war vor 24 Jahren. Diese Informationswelle gibt es nicht mehr, schon seit Jahren nicht. Eine Windjammerparade ist auch Fehlanzeige. Vereinzelt fahren Großsegler aus dem Hafen auf die Ostsee und dann verliert sich alles. Was ist von dem Ursprünglichen Gedanken der Hanse Sail geblieben?

Nimmt man es genau, nur die Schiffe. Anfang der 90er Jahre war es fast ein Volkssport mit einem Stempelheft von Schiff zu Schiff zu gehen, einen Stempel zu bekommen und das mit Stempeln gefüllte Heft zu präsentieren.

Der Begriff Volksfest hat sich unterdessen etabliert. Im Stadthafen und in Warnemünde, hier noch nicht so extrem, stehen Buden an Buden, Fahrgeschäft an Fahrgeschäft, eine Musikbühne neben der anderen. Was einmal klein begonnen hat, ist zum großen Volksfest mit dem Charakter des Oktoberfestes mutiert.

Während in den Anfangsjahren tatsächlich Schiffsinteressierte auf ihre Kosten kamen, stehen heute Geld und Umsatz im Vordergrund. Zu Verdanken haben wird das der "Großmarkt Rostock GmbH", die uns alles das bietet, was ein Volksfest zum Volksfest macht - Bratwurst, Softdrinks und natürlich Bier in Massen.

Auch für die jüngere Generation von Volksfestbesuchern ist gesorgt. Neben den in Bächen laufenden alkoholischen Getränken wird ab Nachmittag bis in die Nacht hinein Musik geboten. Wer richtig steht, kommt sich vor wie auf dem Weihnachtsmarkt, wo aus drei oder vier verschiedenen Richtungen Beschallungsanlagen für "gute" Stimmung sorgen.

Gute Stimmung bei den Gästen heißt aber nicht gute Stimmung bei den Anwohnern. Es gab mal eine Zeit, die ist noch nicht so lange her, da wurde um 22 Uhr die Musik leiser gemacht. Dieses Jahr können sich die Anwohner auf kostenlose Musikbeschallung bis 24 Uhr freuen. Danach werden die Alkoholleichen langsam abtransportiert oder ziehen grölend durch die Innenstadt. In der Hoffnung, dort den Alkoholpegel zu halten oder zu erhöhen. Saufen ohne Maß ist also maritim.

Klar die Freibeuter haben es auch nicht anders gemacht, aber nicht auf eine derart groß ausgelegte Feier, sondern eher im kleinen Kreis. Was hilft da ein geschaltetes "Lärmtelefon" der Hansestadt Rostock? Nichts. Beschweren kann man sich nicht, da die Ruhezeiten, wie bereits zur Fußballweltmeisterschaft nach hinten geschoben wurden.

Pech hat der, der den Schlaf dringend braucht, weil er, anders als die restlichen Feiergäste, am nächsten Tag früh zur Arbeit muss. Auch Urlauber, die nicht wegen der Hanse Sail kommen, werden erst spät in den Schlaf kommen, wenn überhaupt, denn wer weiß, wie lange unsere Alkoholpegelkandidaten durchhalten.


Bild
Volksfest Hanse Sail - Irgendwo zwischen den Fahrgeschäften sind Segelschiffe. Foto: Maik Thomaß

Bei derartigen Ruhezeitverlagerungen kann man sich fragen, wozu es überhaupt Gesetze gibt, die dann doch verweichlicht werden. Auf Bundesebene wurde die Ruhezeit von 13 bis 15 Uhr gestrichen. Auch an Sonnabenden und Sonntagen gibt es keine gesetzlichen Ruhezeiten mehr. Schön für alle, die in der Mittagszeit der Meinung sind, ihre Straße mit einem Presslufthammer aufzureißen oder mit dem Benzinrasenmäher mal eben 500 Quadratmeter Rasen mähen. Noch besser kommt so etwas an Sonnabenden und Sonntagen.
Zurück zum maritimen Volksfest "Hanse Sail". Aus meiner persönlichen Sicht hat der Kommerz die Oberhand gewonnen. Klar, die Stadt verdient auch kräftig mit. Alleine die Standmieten und die Gewerbesteuereinnahmen bringen mehr, wenn man die Zeiten für den Ausschank verlängert.

Was nützen zwei Mittelaltermärkte bei dem Getümmel, wo es einfach nur heißt, "nicht drängeln, sondern gleichmäßig schieben"? Was bringen 200 Teilnehmerschiffe aus 12 Nationen, wenn man sie aufgrund der Imbissbuden nicht sehen kann? Nichts. Aber nicht die Schiffe sind die Höhepunkte, so der Veranstalter der Hanse Sail, sondern das "vielfarbende" Programm auf sieben Bühnen und sieben thematischen Märkten.

Während sich die Bühnen noch mit lauter Musik und grellem Scheinwerferlicht Aufmerksamkeit verschaffen, gehen die Themenmärkte im Getümmel des Jahrmarkttreibens unter. Zum Abreagieren kann man sich eben an einer der zahlreichen Bühnen von Radioprogrammen stellen und aus Frust die falsche oder aus Lust die richtige Musik hören.

Ich weiß, das ist jetzt zwar viel Gemecker, aber wer die Hanse Sail aus der Anfangszeit kennt, wird die jetzige Hanse Sail nur noch an den Seglern erkennen, die zu diesem Zeitpunkt in großer Stückzahl auftreten. Der Rest ist, wie oben schon erwähnt, reiner Kommerz mit dem Charakter eines Volksfestes, dass nichts maritimes mehr hat. Einzig erlebenswert bleiben die beiden zeitgleich gestarteten Feuerwerke im Rostocker Stadthafen und in Warnemünde, wobei das Feuerwerk in Warnemünde durch die Nähe zum Wasser und die bessere Möglichkeit es zu sehen, deutliche Pluspunkte macht.

Text: Maik Thomaß,
Redaktion Maik Thomaß

Benutzeravatar
Maik Thomaß
Administrator
 
Beiträge: 29403
Registriert: 12.04.2016, 13:03
Wohnort: Rostock

Zurück zu Kommentare

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste